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Detaillierte Projektinformationen

Hintergrundinformationen und detaillierte Projektbeschreibung

Hintergrund

Im Jahr 2011 führte die weitgehend friedlich verlaufende Revolution zu einem politischen Umbruch in Tunesien. Der Sturz des Ben Ali-Regimes weckte die Hoffnung auf eine nachhaltige Demokratisierung des Landes und eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Auch nach der Revolution steht Tunesien vor großen Herausforderungen. Der fehlende wirtschaftliche Aufschwung und die gerade im ländlichen Raum sehr beschränkten Perspektiven für junge Tunesierinnen und Tunesier stellen das Vertrauen der Bevölkerung in die junge Demokratie auf die Probe. Terroristische Aktivitäten und radikalisierte Rückkehrer verschärfen die Situation. Ein funktionsfähiges ziviles Hilfeleistungssystem trägt in diesem Kontext dazu bei, die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, das Vertrauen in den eigenen Staat zu festigen, Aufschwung zu ermöglichen und Radikalisierungen entgegenzuwirken. Der Schutz der eigenen Bevölkerung als ureigene Aufgabe des Staates ist die Grundlage für Entwicklung und gesellschaftliche Stabilität.

Vegetationsbrände stellen eine große Gefahr für die Bevölkerung in Tunesien dar und treten jedes Jahr überwiegend während und nach den trockeneren Sommermonaten auf. Die Brände gefährden zum einen vielerorts die agrarwirtschaftlichen Lebensgrundlagen vieler Tunesier, zum anderen sind sie für in Waldregionen lebende Familien unmittelbar lebensbedrohend. Durch die fortschreitende Klimaveränderung wird sich das Risiko der Entstehung von Vegetationsbränden voraussichtlich weiter erhöhen. In der Regenzeit wiederum sind Überschwemmungen ein häufig auftretendes Problem. Die hauptamtlichen Kräfte des tunesischen Bevölkerungsschutzes sind in vielen Bereichen nicht optimal aufgestellt, um Gefahrenpotentialen und Schadenslagen wie Waldbränden, Verkehrsunfällen, Überschwemmungen, Erdrutschen und Industrieunfällen wirkungsvoll begegnen zu können. Zur Behebung der bestehenden Defizite bedarf es einer verbesserten Ausstattung und Ausbildung von Einsatzkräften und Entscheidungsträgern. Adäquate Krisenreaktionsstrukturen tragen dazu bei, die Bevölkerung, ihre Lebensgrundlagen und Infrastruktur vor Katastrophen und ihren Folgen nachhaltig zu schützen und eine gesellschaftliche Stabilisierung zu erreichen.

Das Projekt im Detail

 

Seit 2012 führt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gemeinsam mit der Berufsfeuerwehr Frankfurt und der tunesischen Zivilschutzbehörde „Office National de la Protection Civile“ (ONPC) die Projektreihe „Schutz und Rettung von Menschen“ in Tunesien durch. Finanziert wird die Projektserie durch das Auswärtige Amt.

Zu Beginn des Projektes wurde in Zusammenarbeit mit dem tunesischen Projektpartner der Bedarf an Unterstützungsleistung vor Ort ermittelt. Daraufhin wurde der Schwerpunkt des Projekts auf die Steigerung der Krisenreaktionsfähigkeiten im Bereich des operativen und des strategisch-administrativen Krisenmanagements gelegt. Um in diesen Bereichen eine zielgerichtete Unterstützung zu ermöglichen, wurde 2012/2013 zusammen mit dem Projektpartner ein Ausbildungs- und Ausstattungskonzept erarbeitet. Aus diesem Konzept geht die Unterteilung des Projekts in zwei Teilprojekte hervor.

Karten Standorte hoch 2018 Standorte BBK

Karte Projektstandorte. Quelle: BBK

Teilprojekt 1: Krisenmanagementausbildung (strategisch-administratives Krisenmanagement)

Im Rahmen der Krisenmanagementausbildung werden Offiziere des ONPC zu Multiplikatoren ausgebildet, die Stabsübungen für administrative Krisenstäbe der Gouverneure erarbeiten und durchführen können. Ziel solcher Stabsübungen ist es, die ressortübergreifende Zusammenarbeit im Krisenstab zu verbessern und so ein effektives Krisenmanagement zu ermöglichen.

Im Jahr 2013 wurde mit einer Ausbildungsreihe an der Nationalen Zivilschutzakademie zum strategisch-administrativen Krisenmanagement begonnen. Seitdem wird in jedem Projektjahr eine Seminarreihe durchgeführt, in der die Kursteilnehmer und späteren Ausbilder unter Anleitung von Dozenten des BBK Szenarien für Stabsübungen auf Gouvernoratsebene entwickeln. Als Gouvernorate werden die einzelnen Verwaltungsbezirke in Tunesien bezeichnet. Abgeschlossen wird die Ausbildungsreihe jährlich mit einer groß angelegten Stabsrahmenübung. Die im Rahmen der Ausbildung entwickelten Szenarien wie z.B. eine Hochwasserlage oder eine Explosion in einem Chemiewerk werden hier durchgespielt. Dabei kommen die Personen innerhalb eines Gouvernorats zusammen, die auch bei einer real eintretenden Katastrophe das Management und die Koordination der unterschiedlichen Verwaltungsressorts übernehmen würden. Einbezogen werden unter anderem Ressorts wie Sicherheit, Energie, Gesundheit und Fremdenverkehr.

Neben der Ausbildung wird die nationale Zivilschutzakademie auch durch Ausstattung unterstützt. Seit 2016 wurden sechs Lehrsäle, eine Aula sowie spezielle Räume für die Krisenmanagement-Ausbildung mit Mobiliar sowie moderner Kommunikations- und Präsentationstechnik ausgestattet. Zudem wurde ein Backup-Server im Ausbildungszentrum installiert. Auf diese Weise werden nachhaltig die Voraussetzungen für eine eigenständige Ausbildung an der Nationalen Zivilschutzakademie geschaffen. Seit 2017 werden alle im Rahmen des Projekts durchgeführten Schulungsmaßnahmen in diesen ausgestatteten Räumen durchgeführt.

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Vom BBK ausgestattete Aula an der ENPC. Quelle: BBK

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Übergabe der speziell angefertigten Pick-ups zur Waldbrandbekämpfung. Quelle: BBK

Teilprojekt 2 - Operative Ausstattungshilfe (operatives Krisenmanagement)

Die Ausstattungshilfe umfasst Fahrzeuge und Ausrüstung für Feuerwehr und Rettungsdienst in Tunesien, bisher vor allem mit dem Schwerpunkt Vegetationsbrandbekämpfung. In Zusammenarbeit zwischen BBK, Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main und dem tunesischen Projektpartner wurden ein einsatztaktisches Konzept und ein Ausstattungskonzept erarbeitet.

Das oft steile Einsatzgelände und das zum Teil unzureichend ausgebaute Straßennetz in Tunesien machen eine effektive Bekämpfung von Vegetationsbränden mit herkömmlichen Löschfahrzeugen schwierig. Großtanklöschfahrzeuge kommen auf schlechten Straßen nur sehr langsam voran und können in Bereiche abseits der Straße gar nicht erst vordringen. Deshalb wurden im Rahmen des Projekts in enger Zusammenarbeit mit der Berufsfeuerwehr Frankfurt spezielle Einsatzfahrzeuge entwickelt. Es handelt sich um Pick-ups, die sich für den Einsatz in unebenem Gelände und auf engen Pisten eignen. Sie sind darauf ausgelegt, Entstehungsbrände schnell zu bekämpfen, bevor sich diese weiter ausbreiten können.

Es gibt wasserführende Pick-ups, ausgestattet mit einem 400-Liter-Wassertank und Gerätschaften zur manuellen Vegetationsbrandbekämpfung, sowie Führungsfahrzeuge, die dem Transport von Ausrüstung zur Erkundung und Führung und der Abwicklung des Funkverkehrs mit der Einsatzstelle dienen. Grundsätzlich rückt ein Führungsfahrzeug zusammen mit zwei wasserführenden Fahrzeugen aus. Diese Gruppe wird bei Bedarf erweitert.

Die Pick-ups verfügen über mobile Aufbauten, sogenannte Slip-on-Units, in denen die Gerätschaften verstaut sind. Die Slip-on-Units können leicht auf- und abmontiert und zwischen den Pick-ups ausgetauscht werden.

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Das Bild zeigt drei der zwölf im Jahr 2017 an die OPNC in Tunesien ausgelieferten Fahrzeuge. Sie stehen hier zu Schulungszwecken an der Feuerwache in Ben Arous. Beim hinteren linken Fahrzeug sind die Türen der auf der Pritsche des Pick-ups befestigten Slip-on Unit geöffnet. Rechts hinten wurde die Slip-on Unit von der Heckklappe heruntergeschoben und steht auf einem dafür vorgesehenen Rollwagen. Im Vordergrund ist das System im geschlossenen Zustand zu sehen. Quelle: BBK

Aufgrund von Wetterbedingungen oder mehreren parallel verlaufenden Brandereignissen kann es dazu kommen, dass Vegetationsbrände nicht im Keim erstickt werden können. In einem solchen Fall kann mit Hilfe der Pick-ups eine schnelle Einsatzkette aufgebaut werden. Hierbei wird die Wasseranlieferung zu einem Punkt, der nahe am Einsatzort liegt und auf gut asphaltierten Straßen erreichbar ist, mit Großtanklöschfahrzeugen durchgeführt. Das Löschwasser wird dort in ein transportables Wasserbeckengefüllt. Aus diesem Becken wird das Wasser im Anschluss in die Tanks der Pick-ups gepumpt. Die Pick-ups sind dank der kurzen Strecke zum Einsatzort und ihrer Wendigkeit schnell dort, wo sie für die Löscharbeiten benötigt werden. Während die Einsatzkräfte mithilfe der Pick-ups die Löscharbeiten durchführen, haben die Großtanklöschfahrzeuge ausreichend Zeit, um das Wasserbeckenerneut zu befüllen, sodass kein Leerlauf entsteht. Ergänzend sind die Fahrzeuge mit speziellen Handwerkzeugen ausgerüstet, die es einer Einheit von 12 bis 20 Personen ermöglicht, Vorbereitungen vor dem Eintreffen der Feuerfront durchzuführen – so kann das in allen Regionen knappe Löschwasser gespart werden. Für die effektive Durchführung der Brandbekämpfung muss die Einsatzleitung nach gründlicher taktischer Abwägung Schwerpunkte bilden, an den das Feuer bekämpft werden soll. Die Umsetzung geschieht hier durch eine Bündelung der Kräfte, verbunden mit einer Kombination verschiedenster Löschtechniken und taktischer Überlegungen.

Grafik Einsatztaktik Waldbrand

Einsatztaktik Waldbrand. Die Grafik veranschaulicht die zuvor beschriebene Einsatztaktik. Quelle: BBK

Durch die Ausstattung verschiedener Gouvernorate mit Fahrzeugen entsteht ein Verbundsystem, mit dem sich die Gouvernorate gegenseitig unterstützen können. Angefangen mit dem Gouvernorat El Kef als Pilotstandort, sind inzwischen 11 Gouvernorate mit Pick-ups zur Vegetationsbrandbekämpfung ausgestattet worden. Das Verbundsystem beschränkt sich dabei auf den Norden Tunesiens, da dies die Region mit dem höchsten Vegetationsbrandrisiko ist.

Die Berufsfeuerwehr Frankfurt führt in Tunesien jedes Jahr Einweisungen in die speziellen Fahrzeugtypen durch. Außerdem werden Seminare zur Einsatztaktik gehalten. Weiterhin finden für Mechaniker und Ingenieure Schulungen zur Pflege und Wartung bei lokalen Autowerkstätten statt. Durch diese Ausbildungsmaßnahmen sollen Multiplikatoren ausgebildet werden, die ihr Wissen an andere Einsatzkräfte weitergeben können. Neben der Sensibilisierung im Bereich der Pflege und Wartung strebt das Projekt eine Verbesserung hinsichtlich der Fahrsicherheit bei Einsatzfahrten und im allgemeinen Straßenverkehr an.

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Michael Müller bei der Ausbildung von tunesischen Einsatzkräften im Jahr 2017. Quelle: BBK

Im Rahmen des Projekts werden zudem Schulungsunterlagen zur Vegetationsbrandbekämpfung erarbeitet, die später Verwendung bei der Ausbildung von nationalen Einsatzkräften finden sollen.

 

Weiterführende Links:

Zwei Artikel über das Projekt im Jahr 2018 auf der Webseite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:

https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/BBK/DE/2018/Tunesien_Projekt_BBK_Krisenstaebeausbildung.html

https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/BBK/DE/2018/Jahresabschluss_BBK_Projekt_in_Tunesien.html