Samstag, 01 April 2017 00:00

Bivalenter Antrieb - Innovatives Projekt für den Katastrophenschutz

(am) Ereignisse wie der europaweite Stromausfall nach der Abschaltung einer Stromleitung über die Ems im Jahr 2006 oder der Stromausfall im Münsterland im Jahr 2005 zeigen, dass Strom nicht immer ohne Unterbrechung zur Verfügung steht. In der Regel werden Stromausfälle in wenigen Stunden behoben. Aber es kann in Notsituationen durchaus auch einmal Tage dauern, bis der Strom wieder verfügbar ist.

Ausfälle dieser Art können unsere Tagesabläufe beeinträchtigen oder auch massive Versorgungsengpässe hervorrufen. Daneben bieten das Bundesministerium des Innern (BMI) und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) schon seit längerem einen Leitfaden zum Risiko- und Krisenmanagement an, der von Betreibern aus unterschiedlichen Sektoren, auch von Behörden, vor Ort angewendet und umgesetzt werden kann. Der Leitfaden hilft dabei, Risiken auch im Hinblick auf mögliche Stromausfälle erfassen und bewerten zu können sowie Maßnahmen zum Schutz der eigenen Einrichtungen anzustoßen.

Aufbauend auf diesen Leitfaden wurden und werden Feuerwachen der Berufsfeuerwehr und Feuerwehrhäuser der Freiwilligen Feuerwehr in Frankfurt am Main mit leistungsstarken Notstromgeneratoren ausgestattet. Damit ist es möglich, diese Gebäude auch bei einem längerfristigen Stromausfall weiter zu betreiben und als Infrastruktur für die Sicherheit zu nutzen.

Ein weiteres Hauptziel für den Frankfurter Katastrophenschutz war es, Teile der Stadtbahn auch bei einem Stromausfall weiter betreiben zu können. In der ersten Phase des Projekts stand die Anbindung des Brandschutz-, Katastrophenschutz und Rettungsdienstzentrums (BKRZ) am Marbachweg in Eckenheim im Vordergrund. „Einerseits ist es möglich eine gewisse Anzahl an Personen bei einem längerfristigen Stromausfall in der dortigen Mehrzweckhalle zu versorgen, andererseits ist es aber dadurch auch erforderlich, die Mitarbeiter des Zentrums an ihren Arbeitsplatz zu bringen“ sagt der Direktor der Branddirektion, Professor Reinhard Ries. „Und das sind rund 200 Personen im Wechselschichtdienst“, so Ries weiter. Diese Anforderungen galt es zu meistern.

Diese Aufgabe wurde an die Abteilung Technik der Feuerwehr Frankfurt am Main übertragen. Für die Aufgabe wurde der U-Bahnzug des Typs U5 ausgewählt. „Dies hatte zweierlei Gründe“, sagt Benedikt Spiller, Leiter der Abteilung Logistik und damit auch für die Technik bei der Branddirektion verantwortlich. Spiller weiter: „Der von der VGF eingesetzte U-Bahnzug vom Typ U5 verkehrt zwischen Hauptbahnhof und Preungesheim. Diese Züge halten auch vor dem BKRZ. Weiterhin befinden sich im Trainingszentrum zwei Züge der gleichen Baureihe. Diese konnten wir für Testfahrten benutzen.“

Im ersten Gedankengang wurden die RW-Schiene, die als Zweiwegefahrzeug auf der Straße und auf Schienen fahren können, als Zugfahrzeuge in Erwägung gezogen. Ähnlich wie bei einem Fahrzeugschaden hätten die Fahrzeuge die Bahnen dann von Haltestelle zu Haltestelle geschleppt. Doch durch umfangreiches Zeitmessen wurde dieser Gedanke über Bord geworfen. Zu lang wären die Ausfall – und Fahrzeiten der RW-Schiene gewesen.
Mit dem Hersteller Bombardier wurde nach Prüfung der Platzverhältnisse in einem U-Bahnwagen eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Es sollte möglich sein, die Züge mit einem bivalenten Antrieb auszustatten. Zusätzlich zum Antrieb mittels Gleichstrom über das Oberleitungssystem, sollte bei einem Stromausfall ein Dampfmotor die Bahn antreiben. Unterstützung bei diesem Projekt kam vom bekannten Dampfmaschinenhersteller Wilesco aus Lüdenscheid. Dort konnte auf einen bereits entwickelten Dampfantrieb zurückgegriffen werden. Dieser Dampfantrieb ist optimiert für engste Platzverhältnisse und überzeugte dennoch von Leistung zum Antrieb der fast 40 Tonnen schweren U-Bahnfahrzeuge. Der Wasservorrat wird aus einem Tank eines ausgemusterten Löschfahrzeugs sichergestellt. Der 800 Liter fassende Tank konnte zwischen den Achsen montiert werden. Durch die Verdampfung können damit 1360 Kubikmeter Wasserdampf für den Antrieb erzeugt werden. Einziges Manko: Die Kohle zum Betrieb wird mittels Säcken im Bereich hinter dem Fahrerstand gelagert und über ein Trichtersystem zum Brennraum gebracht. Eine Doppelsitzbank wird hierfür im Bedarfsfall demontiert.

So war es dann am 1. April soweit. Auf dem Übungsgelände des Feuerwehr- und Rettungstrainingscenters (FRTC) fand die erste bivalente Fahrt eines U-Bahnzuges statt. Anstelle von Strom erfolgte die Fahrt auf den Übungsgleisen mittels Dampf. Aufgrund der Platzverhältnisse konnte bislang noch keine Endgeschwindigkeit getestet werden. Auch steht noch die Abnahme der Züge nach der Verordnung über den Bau und Betrieb der Straßenbahnen (BOStrab) aus.

Genau 142.017 Euro haben Entwicklung und Umbau des Prototyps gekostet. Inwieweit das Projekt jetzt weiter umgesetzt wird, hängt vom Beschluss des Magistrats ab.

April, April! Es gibt keine Dampfangetriebene U-Bahn für den Katastrophenfall. Aber dennoch gilt es für alle, entsprechend vorbereitet zu sein. Das BBk bietet hierfür nützliche Informationen an.
Danke von uns an die vielen Kommentare unserer treuen Facebook-Fans. Weiterhin Danke an die Kollegen des Feuerwehr- und Rettungstrainingscenter FRTC für die Idee und den Grundausbildungslehrgang 2-2016 für die Unterstützung bei der Vorbereitung!

Hier noch ein Making-of: https://www.youtube.com/watch?v=ma0Mja_sRkg

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